Ein Wandergeselle bei der Burgruine

Er fällt auf, wenn er auf einmal vor der Haustür steht. Als Anfang Juli die Steinmetze die Arbeite an der Burgruine aufgenommen haben (siehe eigener Bericht), war unter ihnen auch ein Wandergeselle. Natürlich waren wir alle gespannt, was es den mit der Walz oder Wanderschaft auf sich hat, wie man dazu kommt und welche Bräuche und Rituale es gibt. Und vor allem auch, was es mit der „Uniform“ – richtigerweise Kluft – auf sich hat.

Timo ist nun die 5 Woche bei uns und verlässt uns leider nächste Woche schon wieder. Wir haben uns aber nicht entgehen lassen, ihn auszufragen und versuchen hier das „Interview“ wiederzugeben.

 

Woher kommst du?

Mein Name ist Timo Hollmann, komme aus Rothenburg ob der Tauber und bin 1991 geboren.

 

Wie bist du auf die Idee gekommen, auf Wanderschaft zu gehen?

Über Mundpropaganda. Ich fand die Idee interessant. Wenig Besitz aber Reich an Erfahrung. Man lernt viele Menschen kennen und lernt viel über sein Handwerk über die Grenzen hinaus.

 

Wie funktioniert der Ablauf?

Es gibt eine ca. 6-wöchige Einschulung über das Brauchtum der Wanderschaft. Dann ist man 3 Monate mit einem Altreisenden unterwegs und steht sozusagen unter „Welpen Schutz“. Man lernt da viele Lieder, Sprüche und die Gebräuche. Wie man von A nach B kommt und Übernachtungsplätze findet. Danach muss man alleine zurecht kommen und das Brauchtum der Wanderschaft alle Ehre erweisen.

Ich gehörte zur Vereinigung der rechtsschaffener Fremden. Von der Zunft bekommt man das Wanderbuch, in dem man die Stempel der Städte und Gemeinden sammelt, in denen man war. Das Buch ist das wichtigste Dokument, deine Geschichte über die Wanderschaft und somit ein unersetzliches Erinnerungsstück. Es zu verlieren wäre ganz schlimm.

Timo zeigt mir sein Buch, dass mit wunderschönen Stempel und Siegeln von verschiedenen Orten versehen ist. Es gibt auch eigene Seiten, wo die Leute bzw. Firmen, bei denen er gearbeitet hat, ihr Zeugnis per Hand schreiben und die Timo dann kreativ und sehr liebevoll verziert.

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Umfangreiche Infos zur Wanderschaft gibt’s auf der Website der Gesellschaft der rechtschaffenen fremden und einheimischen Maurer- und Steinhauergesellen

 

Wie kommst du zu den Stempeln?

Ich gehe zum Gemeindeamt in dem Ort, in dem ich mich aufhalte. Für die Stadtsiegel spreche ich beim Bürgermeister auf zünftige Weise vor und bitte um eine kleine Reiseunterstützung.

 

Woher kommt der Brauch der Wanderschaft?

Früher war es so, dass man erst Meister in seinem Handwerk werden konnte, wenn man auf Wanderschaft war. Eben um sein Wissen zu vertiefen. Man ging dann in eine andere Stadt oder Ort. Man muss wissen, dass früher die Städte nicht frei zugänglich waren und nicht jeder in die Stadt hineingelassen wurde. Daher musste das Jackett immer geschlossen sein, damit man sieht, ob der Wanderer Waffen bei sich trug. Außerdem ist man mit geschlossenem Jackett natürlich nicht so beweglich und signalisierte damit, dass man in Frieden kommt. Dieser Brauch hat sich bis heute noch gehalten – egal wie heiß es gerade ist. Wir kommen und gehen in Frieden.

 

Was sind die Voraussetzungen, um auf Wanderschaft zu gehen?

Man muss unter 30 Jahre alt sein, keine Kinder und keine Schulden haben. Man darf 3 Jahre und einen Tag nicht in die Heimat zurück – also mindestens 50 Kilometer vom Heimatort entfernt. Man darf nichts besitzen. Weder Smartphone noch Auto oder auch kein Fahrrad. Wenn ich telefonieren muss, geh ich in eine Telefonzelle oder leih mir kurz ein Handy aus. Von A nach B kommt man entweder zu Fuß oder mittels Autostopp. Das funktioniert ganz gut. Kontakt mit der Familie sowie Freunden halte ich per Briefe oder eben über Telefonzellen. Man kann sich das schwer vorstellen, aber es ist ein Gefühl der Freiheit.

 

Wie lange bist du an einem Ort?

Maximal 2 Monate – dann zieht es mich schon wieder weiter. Länger halte ich es gar nicht aus. (lacht)

 

Wo warst du schon überall?

Ich bin jetzt ein Jahr unterwegs und war schon in Schottland, in vielen Orten in Deutschland, Polen, Ungarn, auf der Insel Föhr und nun eben das erste Mal in Österreich. Mein nächstes Ziel ist Jerusalem. Da helfe ich bei der Renovierung einer Kirche mit.

 

Was verdient man als Wandergeselle bzw. von was lebt man?

Ich arbeite für Kost und Loggie wenn es im Rahmen meines Handwerks ist und ich etwas dazu lernen kann. Das Handwerk des Steinmetz ist sehr vielfältig. Der Bereich Restauration ist neu für mich. Sonst arbeite ich zu den ortsüblichen Tarifen. Natürlich habe ich auch meine Fixkosten da ich mich selbst versichern muss.

 

Was hat es mit eurer Uniform auf sich?

Es heißt Kluft. Sie besteht immer aus einer Hose, Weste, Jackett und einem schwarzen Hut. Jedes Handwerk hat ihre eigene Kluft. So kann man uns gut unterscheiden. Die rechtschaffenen fremden Gesellen tragen dazu die schwarze Ehrbarkeit, eine Art Krawatte, die nur ihnen vorbehalten ist. Die Kluft wird für die Dauer der gesamten Wanderschaft getragen und auch bei der Arbeit selbst.

Die Knöpfe an der Kluft haben eine Bedeutung:

  • 6 Knöpfe am Jackett bedeuten 6 Tage Arbeit
  • 3 Knöpfe am linken Arm bedeuten 3 Jahre Ausbildung
  • 3 Knöpfe am rechten Arm 3 Jahre Wanderschaft
  • 8 Knöpfe an der Weste bedeuten 8 Stunden Arbeit am Tag

wandergeselle

 

Lieber Timo!

Vielen Dank das du diese 6 Wochen bei der Burgruine Lichtenhag verbrachst und hier deine handwerkliche Handschrift hinterlassen hast. Wir wünschen dir auf deinem weiteren Weg alles erdenklich Gute, viele spannende Geschichten und viele Begegnungen mit freundlichen Leuten, die ihr Herz für dich öffnen!

Wir hoffen, dass du uns auf deiner Heimkehr wieder mal besuchst!

Alles Liebe,
Renate & Harald und alle Vereinsmitglieder
des Vereins zur Erhaltung der Burgruine Lichtenhag

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